
Vladimir Mitev
Dieser Text wurde jener Nacht veröffentlicht, als internationale, israelische und iranische Medien von einem Angriff mit Drohnen und Marschflugkörpern der Islamischen Republik Iran auf den Staat Israel berichteten. Dieser Angriff wurde gemeinhin als Vergeltung für den Luftangriff auf das iranische Konsulat in Syrien, bei dem hochrangiges Fürhungspersonal aus den Reihen der iranischen Revolutionsgarden umkam und Israel zugeschrieben wurde, gewertet, obwohl Tel Aviv nicht die Verantwortung dafür übernommen hatte.
Vor einigen Tagen hat die ehemalige bulgarische Außenministerin und bulgarische Eurokommissarin, Mariya Gabriel, ihre außenpolitische Strategie in Sofia vorgestellt. Den Artikel, den Sie jetzt lesen, soll auch Teil einer Suche nach einer modernen bulgarischen Außenpolitik sein, die der immer komplexer werdenden Welt, in der wir leben, Rechnung trägt. Nach Ansicht des Autors erfordert diese Komplexität ein höheres Maß an Subjektivität oder Handlungsfähigkeit der bulgarischen Bürger:innen.
Vorwort
Die anhaltende politische Krise in Bulgarien im Frühjahr 2024 ist ein weiterer Ausdruck der Unfähigkeit der bulgarischen politischen Eliten, Lösungen und Antworten zu finden, auf die dringenden Pronbleme in der Region und weltweit . In einer Zeit, in der Deutschland und Frankreich sich schwer tun, auf EU-Ebene gemeinsam zu agieren, haben sich die beiden führenden politischen Gruppierungen in Bulgarien – die Anti-Korruptionspartei “Wir setzen den Wandel fort”, das Bündnis “Demokratisches Bulgarien” sowie die Europäische Volkspartei von Bojko Borissow, GERB, nicht über die im Vorfeld vereinbarte Rotation des Ministerpräsidenten in der Regierung einigen können. Vorgezogene Neuwahlen werden erwartet, und in den sozialen Netzwerken und den internationalen Medien wird sarkastisch kommentiert, sollten die Bulgar:innen zum sechsten Mal innerhalb von drei Jahren wählen müssen, es doch dann so aussähe, als ob sie Wahlen ansich „mögen“, auch wenn ihre Wahlen mehr oder weniger das gleiche Ergebnis bringen.
Die bulgarische Politik bleibt ein großes Rätsel, für ausländische Beobachter:innen sowieso, aber auch für inländische Politibeobachter:innen hält sie immer wieder Überraschungen bereit Dieser Text ist ein bescheidener Beitrag zu den Bemühungen, das bulgarische Rätsel im Rätsel zu verstehen. Doch anstatt ein Werkzeug zum Lösen des gordischen Knotens der bulgarischen Eliten anzubieten, möchte ich versuchen, das Paradigma zu ändern. Im Bewusstsein des utopischen Charakters dieses Unterfangens möchte ich mich mit der:m einfachen bulgarischen Bürger:in befassen. Ich möchte mich mit den Fragen befassen, wie diese:r Bulgare:in zu einem Subjekt der internationalen Beziehungen werden kann, und mit der Frage, wie der Wandel nicht notwendigerweise darin besteht, die „guten“, prowestlichen, jungen, schönen, technokratischen, gebildeten und reichen gegen die „schlechten“, alten, hässlichen, populistischen, einfältigen und armen Menschen zu wählen, sondern einen Weg zu finden, alle zu stärken. Diese Theorie des Wandels mag manchmal absurd klingen, aber angesichts der Vergeblichkeit und der nahezu nicht vorhandenen Binnendemokratie in den bulgarischen Parteien und der Reduzierung bulgarischer Politik auf Beleidigungen, die sich ein paar Dutzend Politiker gegenseitig an den Kopf werfen, sehe ich keinen anderen Weg diesen. Ich möchte nach Wegen suchen, um Verzweiflung und Bedeutungslosigkeit in Entschlossenheit und Hoffnung für die Bulgar:innen selbst umzuwandeln (dem:der abstrakten Bulgaren:in, der:die das Subjekt der bulgarischen und der EU-Moderne ist), auf denen das gesamte Machtgefüge der bulgarischen Gesellschaft ruht – auf der:m einfachen Mann oder Frau, oder: den Bürger:innen.
Für mich besteht kein Zweifel daran, dass die politische Macht in Bulgarien auf der Akkumulation von Herrschaft über die bulgarischen Bürger:innen beruht (man könnte auch sagen „über das (bulgarische) Wesen“). Ein großer Teil der sozialen Beziehungen befasst sich mit der Überakkumulation und möglichen Umverteilung dieser Macht. Solange der/die ursprüngliche, „geopferte“ Bulgare:in (in diesem Fall die Basis), auf den:der sich der politische Überbau stützt, unreif, leicht zu täuschen, apathisch, entmutigt, ängstlich und unsicher bleibt, werden wir fehlerhafte Politiker und Eliten haben, die sich durch ihrer poltische Mittelmäßigkeit auszeichnen. Daher wird die Veränderung des Systems nicht darin bestehen, eine Gruppe von Eliten durch eine andere zu ersetzen, die den üblichen osteuropäischen Zustand der Verkommenheit im Lande verwaltet, sondern darin, einen Weg zu finden, die Bürger:innen zu emanzipieren und ihnen ihre Kompetenz, ihre ethische, intellektuelle und emotionale Autonomie, die immer komplexer wird, hervorbringen zu lassen. Das Vorhandensein einer größeren Zahl von politisch ungebundenen Menschen oder von Akteur:innen des Wandels in der bulgarischen Gesellschaft kann das derzeitige politische und soziale System in Frage stellen. Es neigt dazu, zu hierarchisch, starr, ungleich und anstrengend für den einfachen Mann zu sein, insbesondere außerhalb der Hauptstadt Sofia.
Einleitung – was ist die bulgarische Situation?
Bulgarien neigt dazu, zu überraschen. Oberflächlich betrachtet, kann es auch langweilig sein. Galt Bulgarien doch seit jeher als graue Maus Europas. Aber wenn man die richtigen Leute kennt oder ein bisschen Ahnung hat, kann man leicht eine Menge positiver Emotionen und Eindrücke mitnehmen. Sofias Serendipität, also das Stolpern über eine Sache, nach der man gar nicht gesucht hat, die aber möglicherweise ein Problem auf überraschende Weise löst, liegt darin, dass man in der Hauptstadt Menschen zufällig und ohne vorherige Absprache trifft. Wenn man den richtigen Job oder die richtige soziale Stellung hat, kann es ausreichen, sich einfach dem „Flow“ (Mihaly Cziksentmihalys Begriff) hinzugeben und zu warten, was kommt.
Ja, Bulgarien bietet eine Fülle von Erfahrungen und Weltanschauungen auf relativ kleinem Raum. Es könnte eine großartige Schule sein, von der man lernen kann. Manche Menschen leben gern in Bulgarien, weil sie überzeugt davon sind, dass jeder anders ist als der andere. Das klingt nach einer positiven Version des bulgarischen Lebens – Vielfalt und Diversität der Identitäten und das Leben als kollektive Schöpfung.
Aber in diesem Essay geht es mir nicht um die Menschen, die mit leichten Bewegungen alles erreichen (eine Formulierung, die ich einem Lied von Slavi Trifonov entlehne, dem Vorsitzenden der Partei “Es gibt solch ein Volk”, der eine erfolgreiche Karriere als Sänger und Showman hatte, bevor er Politiker wurde). Ihre Schlachten sind gewonnen und ihre Dilemmata gelöst. Ich interessiere mich für die Zerrissenheit der Bulgar:innen als „existenzielles Territorium“, in dem das Potenzial für Veränderung und Emanzipation liegt.
Es kann sehr entmutigend sein, in Bulgarien zu leben. Es kann bedeuten, für das Überleben zu kämpfen, wenn es im eigenen Leben eine schwierige und unglückliche Wendung gegeben hat. Und es besteht die Gefahr, dass die individuelle und berechtigte Frustration von einigen der vielen Kräfte in der bulgarischen Gesellschaft ausgenutzt wird, die nicht den Wandel und das Wachstum aller Bulgar:innen anstreben, sondern nur die Unzufriedenheit gegen einen bequemen Schuldigen umlenken wollen – Russland oder Westeuropa, Putin/Orban oder Biden/Soros. Wenn wir auf die billige und intensive Propaganda einer der Hegemonialmächte hereinfallen, die Massen gegen das „Böse“ formieren, werden wir kein Leben mehr als kollektive Schöpfung im Sinne einer Fülle von Individualitäten, gegenseitiger Bereicherung, Liebe zum Leben und Transformation haben. Wir werden das Gegenteil von all dem haben –
Das Leben als eine Anhäufung von Macht über das Sein
Auf dieser Vorstellung vom Leben beruht die Hegemonie. Es ist die Vorstellung, dass es nur eine einzige Norm gibt und dass wir alle kleinere oder größere Repräsentationen dieser Norm sind. Dies ist eine Einladung zur Gewalt, denn die einzige Möglichkeit, uns unter einer einzigen Norm zu behaupten, besteht darin, die Bemühungen anderer um Emanzipation und Wachstum zu unterdrücken; dies aus Angst, dass diese Menschen, wenn sie sich weiterentwickeln, uns in der Hierarchie ablösen werden. Eine einzige Norm bedeutet auch die Vorherrschaft des Narzissmus. Und auf der nächsten Ebene sehen wir den Wettbewerb der gegensätzlichen Versionen der einzigen Norm, die vielleicht einen großen Hass gegeneinander hegen, aber auch ein gemeinsames Interesse daran haben, die Menschen in dem existenziellen Gebiet zu halten, in dem die Menschen Stellvertreter:innen sind.
Auf diese Weise dominieren Menschen, die sich als Stellvertreter:innen des Westens oder des Ostens verstehen, die in Sicherheitsstrukturen denken und überall Feinde und Verräter:innen sehen, das öffentliche Bewusstsein und den Mediendiskurs bestimmen. Meiner Meinung nach können Menschen mit einer solchen Denkweise niemals wirklich glücklich, wirklich liebevoll und wirklich in Frieden leben. Sie werden immer ein gewisses Machtdefizit gegenüber dem Gegner verspüren und versuchen, durch gegenseitige Beherrschung mit dem Feind mehr Macht anzuhäufen. Je mehr Macht sie anhäufen, desto größer wird das Defizit, das sie empfinden. Der Widerspruch zwischen Wachstum als Anhäufung von Macht über das Leben (oder in anderen Worten, Macht als die Fähigkeit, die Hände zu verdrehen und Dinge durchzusetzen, die andere nicht wollen) und Wachstum als Erneuerung und Transformation des Lebens ist der Schlüssel zur Theorie des Wandels in Bulgarien, die ich zu formulieren versuche.
Gegenseitige Beherrschung und Akkumulation von Macht über das Sein vs. Leben als Erneuerung
Mit diesem Text beginne ich mit einer Reihe von Überlegungen zur Transformation Bulgariens durch die aktive und engagierte Haltung der bulgarischen Bürger:innen gegenüber der Welt, jenseits der Grenzen des bulgarischen Traumas. Ich behaupte, dass Sozialisation in Bulgarien zu oft mit Schaden und erlernter Behinderung im Leben verbunden ist. Es ist bezeichnend und unterstreicht meine These, wenn man siich anschaut, wie die vermeintlich Schwachen in Bulgarien behandelt werden.
Die bulgarische Gesellschaft ist gesprägt von rassistischen und diskriminierenden Einstellungen gegenüber Migrant:innen aus dem Nahen Osten, gegenüber Roma, LGBT-Personen und anderen Gruppen, die gesellschaftlich als schwach angesehen werden. Als schwach markiert zu sein in Bulgarien, bedeutet vor allem Rassismus und Ausgrenzung zu erfahren. Auch der Umgang mit behinderten Menschen zeigt dies allzudeutlich. Sie waren und sind weggesperrt in ländlichen Regionen, oft ohne entsprechendes Fach-Personal in der Betreung. Mit dem Schreiben dieses Textes begann ich in einer Woche, in der die nationalistische Partei VMRO Anti-Migranten-Proteste vor dem Flüchtlingslager Harmanli (eine kleine Stadt in der Nähe der türkischen Grenze) organisierte. In derselben Woche wurde ein afghanisches Familienpaar von Hooligans schwer verprügelt und eine Gruppe Jugendlicher nahm auf Video auf, wie sie einen 20-jährigen syrischen Migranten schlugen. Das hat wieder einmal gezeigt, wie rassistisch, unmenschlich, ja barbarisch das Leben in Bulgarien ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der rohe Gewalt, egal in welcher Form – physisch, psychisch oder finanziell – an der Tagesordnung ist. Sie richtet sich immer gegen die die als schwach markierten Menschen und Gruppen. Menschenrechte oder die Würde des Menschen zu garantieren, ist eher etwas, wofür Verlierer:innen sich einsetzen.
Menschen, die auf „bulgarische Art“ sozialisiert wurden, haben schon immer gezeigt, dass Worte allein für sie keine Bedeutung haben und dass die erwarteten menschlichen Reaktionen ausbleiben. Diese Menschen respektieren andere nicht, weil sie anders sind als sie selbst. Sie respektieren sie nur dann, wenn sie fürchten müssen, dass sie ihnen schaden können. Sie respektieren also nicht die Worte oder Tatsachen, sondern die Macht dahinter. Dieselben Worte oder Fakten werden auf eine Weise behandelt, wenn Macht damit verbunden ist – und auf eine andere, wenn eben nicht.
In diesem Zusammenhang können wir verstehen, warum die bulgarische Gesellschaft – als Ganzes und im Kleinen – den Menschen schadet und ihnen große Hindernisse auf dem Weg zur Heilung mitgibt. Aufgrund dessen fehlt viele Menschen in meinem Alter, so um die 40, selbst wenn sie gebildet sind und in der Hauptstadt leben (was meist ein gutes Leben verspricht), Energie und Kraft sich einzubringen. Sie sehen keinen Sinn in ihrer Arbeit, sie scheinen keine transformative Kraft in ihren Beziehungen zu haben und sie sind frustriert. Und die Gesellschaft lädt sie dazu ein, sich mit ähnlich frustrierten, aber politisch anders orientierten Menschen zu messen. Beide haben bereits ein gewisses Maß an Hass aufgestaut und lassen diesen Hass aneinander aus. Im Ergebnis dessen erfahren sie den Hass, den sie aussenden auch selbst. Dabei erleben sie das ursprüngliche Trauma, das so genannte bulgarische Trauma, das sie als Bulgar:innen sozialisiert hat, wieder. Und dieses Trauma ist es, das ihr Leben bestimmt. Wenn sich diese Praxis also nicht ändert, wird es den Menschen mit der Zeit immer schwerer fallen, sich selbst tiefgreifend zu verändern. Stattdessen werden sie ihre Unfähigkeit bestätigen, mit Menschen in Kontakt zu treten, die ihre Fehler und Widersprüche nicht teilen. So werden ihre Lehren aus dem Leben sehr viel begrenzter sein, im Vergleich zu Menschen, die nicht nur aus ihrem eigenen Trauma lernen können, sondern auch die Traumata anderer sehen, verstehen und beeinflussen können, unabhängig von deren Natur (und „Nationalität“).
Das bulgarische Trauma und die statische Identität
Es ist nicht schwer zu erkennen, dass diese gegenseitige Beherrschung, unabhängig von den Generationen, in denen sie stattfindet, auf einer statischen Identität beruht. Wir Bulgaren sind oft hartnäckig. Wir können viel arbeiten und viel aushalten. Aber egal wie sehr wir uns abmühen und welche Schwierigkeiten wir überwunden haben, es ist als ob ein unveränderlicher Deckel auf dem Topf liegt. Wir befinden uns in einer ewigen Klammer. Es spielt keine Rolle, was dazwischen passiert. Außerhalb dieser Klammern sind wir immer dieselben, unveränderlich und statisch. Und dieser Mangel zur Veränderung führt dazu, dass wir uns aus Verzweiflung und Ohnmacht gegenseitig mit einer gegensätzlichen statischen Identität beherrschen. Es braucht viel Anstrengung, psychische Kraft und Intelligenz, um zu entdecken, wie wir unsere statische Identität aus eigener Kraft auflösen können.
Wenn wir in der Lage sind, uns selbst zu zerstören (d.h. unsere statische Identität, die Mauer um uns und in uns), können wir uns auch als autonome und emanzipierte Individuen aufbauen. Wir werden frei sein vom bulgarischen Trauma, auf dem das politische und soziale Leben Bulgariens beruht. Die narzisstische politische Macht wird nicht in der Lage sein, sich selbst zu reproduzieren und durch uns gestärkt zu werden. Stattdessen wird sie paradoxerweise beginnen, uns mit Respekt zu behandeln. Dies wird Möglichkeiten für Veränderungen schaffen, vor allem, wenn sich dieser Emanzipationsprozess vervielfacht.
Aber das bulgarische Trauma ist oft sehr widerstandsfähig. Die Menschen neigen dazu, zu leiden, sich zu beschweren oder sich als Drama-König:innen zu stilisieren. Sie haben oft nicht den Mut, ihre statische Identität zu überwinden. Letztendlich ist dies einer der Schlüssel zur bulgarischen Existenz – es gibt immer einen kleinen Kieselstein im Schuh, der Unbehagen verursacht. Es gibt immer ein Machtgefüge, das ihr vollständiges Glück verhindert; es gibt immer einen Störenfried in einer Situation oder einer Gruppe.
Die Weisheit dieser Erfahrung könnte darin bestehen, dass niemand allmächtig ist und die Kunst des Lebens darin besteht, die eigenen Grenzen zu akzeptieren. Aber es kann auch sehr frustrierend sein, weil die andere Person die Machtlosigkeit desselbst verkörpert. Und das kann Gewalt und psychische Degradierung auslösen.
Die Lösung des Problems mit dem bulgarischen Trauma – Erfahrungen außerhalb des Traumas (im Ausland)
Ich behaupte, dass dieses Gefühl der Unzufriedenheit in der bulgarischen Erfahrung festzustecken, kein guter Lehrer für die Bulgar:innen ist und dass die negative Energie irgendwie in etwas Positives umgewandelt werden muss. Meiner Meinung nach könnte dies geschehen, wenn die Bulgaren begännen, in der Welt jenseits des bulgarischen Traumas nach neuen Erfahrungen Ausschau zu halten. Dies könnte durch einen Prozess des Verlernens der verinnerlichten erlernten Unfähigkeit geschehen, der Raum und Energie für die Begegnung mit neuen Menschen und für neue Dinge jenseits der Grenzen des bulgarischen Traumas schaffen könnte. Ich sehe diesen Prozess als zutiefst transformativ auf der Ebene des Individuums, aber auch als notwendig auf der Ebene der Gesellschaft und in den internationalen Beziehungen.
Teil der Welt zu sein, würde bedeuten, einen größeren Teil unserer Persönlichkeit zu erleben und mit ihr zu leben. Es würde eine endlose Transformation bedeuten. Es würde unser Potenzial vergrößern und uns zeigen, dass es andere Wege zum Fortschritt gibt, als die Macht einer Lobby zu nutzen, um unser statisches Element vor Veränderungen zu schützen und anderen unsere Macht (in Wirklichkeit die der Lobby) aufzuzwingen. Es würde uns auch weiser und widerstandsfähiger gegenüber dem bulgarischen Trauma machen. Vielleicht finden wir sogar Wege, das Leben in Bulgarien positiv zu beeinflussen.
Bulgarien und seine Region
Bulgariens Region könnte eine große Quelle von Erfahrung und Energie sein, wenn wir nur den inneren Antrieb, den Ehrgeiz und ein wenig Know-how hätten, um uns auf eine nicht-hegemoniale Art und Weise mit ihr auseinanderzusetzen. Aber in der gegenwärtigen Situation fehlt es Bulgarien an Ehrgeiz gegenüber seinen Nachbarn und der Region. Nachrichten über die Nachbarschaft sind relativ selten, und die Tiefe der Berichterstattung oder die analytische Reflexion und das Verständnis für den anderen könnten viel besser sein.
Der Umgang mit den Nachbarn und der Region ist standardisiert und typisch. Es besteht die Tendenz, dass sie von einer allgemeinen Negation und einem Misstrauen gegenüber „dem Westen“ geprägt ist (eine Position, die letztlich den peripheren Status der Bulgar:innen bestätigt). Teile der bulgarischen Elite sehen unsere Nachbarn als Stellvertreter „anti-bulgarischer“ Teile des Westens (z.B. Serbien als pro-französisch, Mazedonien als pro-europäisch, Rumänien als pro-CIA usw.), obwohl dieselben westlichen Machtstrukturen in Bulgarien ebenfalls präsent sind und mit bulgarischen Partnern zusammenarbeiten.
Ein anderes typisches Interesse an den Nachbarn und der Region beruht auf dem bulgarischen nationalen Egoismus (der gern auch als nationales Interesse bezeichnet wird), der darauf abzielt, die ehemaligen bulgarischen Gebiete aus dem Mittelalter zu re-bulgarisieren und der Ent-Bulgarisierung entgegenzuwirken. Der letztgenannte Ansatz wird in Bulgarien als patriotisch angesehen und basiert auf einer Überhöhung bulgarischer Identität, die wiederum auf einer Reihe von Konzepten und Erfahrungen fußt, die die bulgarische Identität innerhalb und außerhalb Bulgariens bekräftigen. Sie verhindert jedoch den Aufbau von Vertrauen zu den Nachbarn und verstärkt, ebenso wie die Skepsis gegenüber dem „Westen“, die Vorstellung, Bulgarien sei eine von Feinden umgebene Insel.
Es handelt sich um eine Denkweise, die in Bulgarien als bulgarisch angesehen wird und die vielleicht dieser oder jener internationalen Macht gegenüber skeptisch ist, die aber auch von Großmächten genutzt werden kann, die daran interessiert sind, die Bulgaren als Stellvertreter in ihren regionalen Spielen der gegenseitigen Beherrschung mit anderen Großmächten und deren Stellvertretern in Südosteuropa einzusetzen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es eine Vielzahl von Möglichkeiten gibt, “bulgarisch zu sein”, und das Verständnis, dass es nur eine einzige legitime bulgarische Position oder Interpretation historischer und aktueller Ereignisse gibt, ist hegemonial und kann den bulgarischen nationalen Interessen zuwiderlaufen, die “der Bulgarianismus” par excellence verteidigt. Die Bulgar:innen sind, wie jede andere Nation auch, keine ewigen und unveränderlichen Realitäten, sondern Menschen und Identitäten im Wandel, mit internen und externen dynamischen Beziehungen des Dialogs und der gegenseitigen Bereicherung.
Man kann sogar argumentieren, dass wir nicht wissen können, was die ultimative und einzig richtige Art und Weise ist, Bulgare zu sein – die pro-serbische, die pro-griechische, die pro-türkische, die pro-mazedonische, die pro-rumänische und all die anderen Arten. Wenn jemand sagt: „Ich bin weder pro-amerikanisch noch pro-russisch, sondern pro-bulgarisch“, dann kann er in den meisten Fällen nicht definieren, was genau die bulgarischen Interessen sind. Es gibt verschiedene Kräfte, die versuchen, das Bulgarentum als Waffe einzusetzen, um ihre jeweilige politische oder wirtschaftliche Gruppe zu stärken und hegemonial zu machen. Und ich glaube, dass Bulgarien etwas ist, das nicht privatisiert oder bewaffnet werden kann und sollte. Ein wahres Bulgarien besteht aus einer Vielfalt von Identitäten und Lebensformen. Und ein demokratisches und modernes Bulgarien erlaubt es jedem, am Leben als kollektive Schöpfung teilzunehmen.
Was ich oben als insulare Mentalität beschrieben habe, kann wie ein Denken aussehen, das sich des realen Lebens und der Realpolitik bewusst ist (Beziehungen zwischen Nationen sind immer Machtbeziehungen). Es mag verlockend sein, die insulare Mentalität als treu gegenüber der Logik der Welt zu betrachten. Ich möchte nicht leugnen, dass diese Logik in unserer Region und anderswo, insbesondere an der Peripherie des internationalen Systems, existiert und beliebt ist. Aber ich würde argumentieren, dass diese Denkweise aus älteren Zeiten stammt und heute keine großartigen Ergebnisse bringen kann, so wie sie auch bei der bulgarischen nationalen Einigung versagt hat (Bulgarien hat seine Kriege um die nationale Einigung im 20. Jahrhundert verloren). Es hält unsere Region in einem Zustand ständiger Peripherie und macht viele der Beziehungen innerhalb der Region zu Beziehungen, die nicht darauf abzielen, etwas Neues aufzubauen oder voranzubringen. Stattdessen wird viel Energie darauf verwendet, andere daran zu hindern, etwas zu tun und das schlechte Karma zwischen uns am Leben zu erhalten.
Synchronisierung vs. Bestätigung der Peripherie
Meiner Meinung nach würde ein echtes Engagement in der Region von Menschen ausgehen, die eine innere Vorstellung von Synchronisation mit ihren Nachbarn haben. Sie würden Netzwerke aufbauen und mit ihren Nachbarn auf dem Weg zur Europäisierung und Modernisierung zusammenwachsen wollen. Sie hätten keine Pro- oder Anti-Haltung gegenüber den großen geopolitischen Akteuren, weder im Westen noch im Osten, und würden in jeder Beziehung nach Möglichkeiten suchen, Energie und Erfahrung in die Region zu bringen, um ihr Wachstum und ihre Bestätigung zu ermöglichen. Sie würden sich nicht von nationalen oder imperialen Egoismen leiten lassen.
Es wäre schade, wenn das einzige Ziel der Außenpolitik eines Landes aus der Semiperipherie der EU darin bestünde, einen weiteren nationalen Egoismus zu bekräftigen und die bestehenden gegenseitig zu dominieren. Bulgarien und Rumänien befinden sich am unteren Ende der Gewaltenverteilung im Westen. Die Rumän:innen mögen die Bulgar:inenn für ihre Russophilie ohrfeigen, und die Bulgaren mögen die Mazedonier für ihre historischen Mythologien ohrfeigen, aber buchstäblich alle anderen in der Region sind in der Lage, die beiden EU-Nationen in Südosteuropa zu ohrfeigen – und sie tun dies auch. Eine echte außenpolitische Strategie für Bulgarien kann das Land nur aus seiner unprivilegierten Position herausführen, wenn sie nicht hegemonial ist. Das bedeutet, dass sie von einer Reihe positiver und lebensbejahender Konzepte und Auffassungen motiviert und angetrieben werden sollte, die nicht nur für Bulgarien, sondern auch für seine Region – von Polen bis zum Schwarzen Meer und der Ägäis – einen fortschrittlichen Wandel bewirken.
In diesem Fall würde eine nicht-hegemoniale Herangehensweise an die Welt bedeuten, unsere tief verwurzelte Stellvertreteridentität zu verlernen, Beziehungen auf der Grundlage des Lebens als Erneuerung und nicht als Anhäufung von Macht über das Sein aufzubauen. Es würde ferner bedeuten aufrichtig zu sein, ohne Rüstung, emotional engagiert, neugierig, interessiert an neuen Menschen und Erfahrungen, großzügig und verantwortungsbewusst.
Wir sind nicht hegemonial, wenn wir uns bewusst sind, dass unsere eigene Existenz und unsere eigenen Entscheidungen ausreichen, um eine positive Entwicklung in uns und außerhalb von uns stattfinden zu lassen. In solchen Fällen sind wir uns bewusst, dass wir die Anhäufung von Macht nicht brauchen. Wir müssen unserer Essenz treu bleiben, authentisch sein und das tun, was notwendig ist, damit andere das Gleiche tun können. Nicht hegemonial und gleichzeitig ein engagierter Teil der Welt zu sein, bedeutet daher, den Zeitgeist durch uns und unsere Beziehungen fließen zu lassen und alles zu verändern, was er berührt. Es ist nicht der Geist des Westens oder des Ostens, des Zentrums oder der Peripherie, der Technokraten oder der Populisten. Es ist der Geist, der übrig bleibt, wenn wir alle Arten von Kleidung ablegen. Es ist der Geist der Menschheit als Subjekt in der Welt. Indem wir auf alle möglichen Gruppenegoismen verzichten, werden wir zu den einzigen wirklichen Akteuren in der Welt – zu denen, die ihr Bewusstsein erweitert haben, um die Interessen und Realitäten der gesamten Menschheit zu berücksichtigen. Und auch wenn ein solches Ziel absurd oder utopisch klingen mag, die einzige wirklich solide Grundlage für den Aufbau ist das Ganze. Indem wir nach Universalismus streben, entwickeln wir wahres Wissen und Bewusstsein, um auf lokaler Ebene zu handeln.
Daher neigt Bulgarien oder jede andere Nation/jedes andere Imperium dazu, seinen Bürgern zu schaden, indem es sie dazu formt, seinen nationalen/imperialen Egoismus zu reproduzieren. Ein wirklich modernes und fürsorgliches Land würde nicht danach streben, seine Bürger:innen einzuschränken und zu behindern, um durch sie seine Hegemonie aufzubauen. Es würde die Voraussetzungen dafür schaffen, dass das Potenzial der Menschen wachsen und sich voll entfalten kann. In diesem Sinne bedeutet der Wandel in Bulgarien nicht, dass pro-deutsche Eliten durch pro-französische Eliten oder umgekehrt ersetzt werden, noch dass pro-russische Lobbys durch pro-amerikanische Lobbys oder umgekehrt ersetzt werden, sondern dass der normale bulgarische Bürger ermutigt wird, sein statisches Element zu überwinden und in die Bewegung des Zeit- und Weltgeistes einzutreten.
Die Bulgar:innen, das Volk, als Subjekte der internationalen Beziehungen
Wie kann diese statische Identität überwunden werden?
Anstatt Gegner:innen, Mauern und Bedrohungen um sich herum zu sehen, sollten die Bulgar:inenn mit einem hohen Maß an Vertrauen in die guten Absichten der Welt in diese hinausgehen. Die Bulgaren sollten sich bemühen, in ihren Beziehungen zur Welt mehr Sozialkapital aufzubauen, anstatt zu versuchen, Märkte in Bereichen wie schnelle Kredite oder Wettbüros zu erobern. Sie sollten das schlechte Image, das andere Bulgar:innen in der Region für sie geschaffen haben, aushalten und sich dessen bewusst sein, aber auch versuchen, es zu korrigieren, auch durch persönliche Anstrengungen und Beispiele. Schlechtes Karma in Beziehungen sollte in gutes Karma umgewandelt werden. Negativer Frieden (die Abwesenheit von Krieg, aber auch die Abwesenheit von Engagement mit einem Land/Nachbarn) sollte in positiven Frieden (d.h. aktive Zusammenarbeit) umgewandelt werden.
Die Bulgar:innen sollten ihr Sozialisationstrauma überwinden und eine führende Rolle im Prozess der regionalen Synchronisierung auf dem Weg in die EU übernehmen, anstatt sich auf die Förderung der Divergenz mit „ähnlichen“ souveränistischen Kräften in Nordmazedonien und anderswo einzulassen (ähnlich im Sinne, dass das Ergebnis der Aktivitäten der Souveränisten in der Region ähnlich ist, nämlich die Verhinderung ihrer Annäherung an das Zentrum des internationalen Systems), wodurch die halbperiphere Position der Region gegenseitig gestärkt wird.
Dies geschieht nicht, weil der Autor gegen den bulgarischen, mazedonischen oder einen anderen Patriotismus ist, die ihren Platz und ihre Rolle in der Region und der Welt haben und haben werden, sondern weil der Kontext, in dem unsere nationalen und regionalen Widersprüche stattfinden, sich entwickeln sollte. Wenn wir unsere Hegemonie nicht aufgeben oder zumindest teilweise, werden wir und unsere Region nicht in der Lage sein, ihre Interessen in den internationalen Beziehungen durchzusetzen. Sie würde für immer an der Peripherie bleiben. Wenn es ihr gelingt, international an Gleichklang und Bedeutung zu gewinnen, werden wir wieder unsere ewigen Kämpfe um bestimmte nationale oder andere Rechte haben, aber eher in einem Kontext, in dem sie viel fruchtbarer sein werden, weil auch ihre Vertreter:innen weniger statische Identität haben werden. Daher wird jeder besser in der Lage sein, seinen Standpunkt zu vertreten, auf „den anderen“ einzuwirken und seine Wahrheit anerkannt und bestätigt zu sehen.
Meiner Meinung nach können die oben genannten hehren Ziele erreicht werden, wenn Außenpolitik nicht nur oder nicht so sehr durch Diplomat:innen oder der Politiker:innen bestimmt wird, sondern auch Bürger:innen daran teilnehmen. Diplomat:innen und Politiker:innen neigen dazu, ein relativ enges Verständnis von dem zu haben, was sie als nationales Interesse wahrnehmen, und sind durch Verfahren und Vorschriften eingeschränkt. Selbst wenn sie über politische Macht verfügen, gibt es offensichtliche Grenzen für das, was sie bei ihren Nachbarn erreichen können, vor allem, wenn der Grad der Synchronisierung in der Region im Vergleich zur Visegrad-Gruppe oder zu Westeuropa niedrig ist. Darüber hinaus haben die bulgarischen Unternehmen außerhalb Bulgariens nicht immer ein gutes Image, und in einigen Ländern der Region wird es als zweifelhaft angesehen.
Während es eine gewisse Regionalisierung und regionale Zusammenarbeit von Unternehmen/Kapital oder pro-westlichen NGOs gibt (die zwar großartig sind, aber keine Verbindung zur breiten Bevölkerung haben), muss es eine Regionalisierung der Menschen geben. Denn sie sind diejenigen, die das größte Potenzial haben, etwas zu verändern und sie selbst sind die Veränderung. Die Menschen sind nicht an sichtbare Hierarchien gebunden und haben mehr Freiheit und Flexibilität im Handeln. Sie können mit vielen starren Konzepten ihrer Staaten nicht einverstanden sein, was künftige politische Veränderungen ermöglicht und das Potenzial in bilateralen und regionalen Beziehungen erhöht. Sie sind in der Lage, den bilateralen und regionalen Beziehungen Dynamik und auch den Bemühungen der Eliten um eine Verbesserung der Beziehungen Tiefe zu verleihen. Menschen können dem, was sonst zu technokratisch oder geldgesteuert ist, eine menschliche Dimension verleihen. Und ich denke, dass sich die bulgarische „Außenpolitik“, eine von der Gesellschaft gesteuerte Außenpolitik, wirklich verändern wird, wenn die Bulgar:innen – also vor allem auch die Bürger:innen – zu ihren Subjekten und Umsetzern werden.
Ziele und Aufbau einer nicht-hegemonialen Außenpolitik
Die Außenpolitik ist oft Ausdruck der inneren Realitäten. Aber auch das Gegenteil könnte der Fall sein. Erfahrungen im Ausland könnten entscheidend sein, um mit Energie von außen Veränderungen in der bulgarischen Gesellschaft herbeizuführen.
Eine nicht-hegemoniale Außenpolitik, die von den Menschen vorangetrieben wird und von aufrichtiger Neugierde und Interesse am Verständnis und am gemeinsamen Handeln mit dem Nachbarn und dem Anderen geprägt ist, würde auch nicht-hegemoniale Beziehungen in der bulgarischen Gesellschaft fördern. Es ist höchste Zeit, dass die Erfahrungen von Pro- und Anti-Haltungen irgendwie aus ihrer statischen Identitätsdisposition herauswachsen und dynamisch, selbstreflexiv, selbstkritisch, von der sich verändernden Realität beeinflusst und veränderungsorientiert werden.
Russland, Westeuropa, die USA oder jede andere geopolitische Tendenz, die in unserer Region einen hegemonialen Aspekt hat, hat nicht immer Recht und „hat nicht einmal dann Recht, wenn sie Unrecht hat“ (ein Satz aus dem Gedicht „Führe mich, oh, Partei, führe mich“ – ein Gedicht über die bulgarische kommunistische Partei. Es ist ein Gedicht, das für eine so intensive Liebe zum Parteienstaat bekannt ist, dass der Liebende in seiner Unterwerfung unter die geliebte Partei, die einzige und letzte Quelle der Wahrheit, blind ist). In Wirklichkeit neigen alle politischen und geopolitischen Tendenzen zu inneren Widersprüchen, haben Elemente, die fortschrittlicher sind, und solche, die rückschrittlicher sind, genau wie die bulgarische Gesellschaft. Der Osten ist kein monolithisches Gebilde und der Westen ist kein monolithisches Gebilde.
Eine dynamische Identität würde sich der Komplexität jeder Macht in der Welt und der noch größeren Komplexität der Beziehungen zwischen den internationalen Mächten und zwischen ihren verschiedenen Elementen bewusst sein. Anstatt darüber zu streiten, wer der Verräter unter uns ist – die östlichen oder die westlichen Stellvertreter – sollten wir uns alle das Ziel setzen, den Zustand der Stellvertreter in unserer Gesellschaft und den internationalen Status des Stellvertreters unseres Landes zu überwinden.
Stellvertreter „denken“ nur so lange, bis sie eine Kraft gefunden haben, der sie sich unterwerfen können, und bauen dann Festungen um sie herum, ohne bereit zu sein, die Entwicklungen in der Welt in Betracht zu ziehen. Wahres Denken, kritisches Denken, wie es genannt wird, würde nicht nach einer Mutter oder einem Vater suchen, denen es sich unterzuordnen hat, sondern eher Komplexität und Unbestimmtheit annehmen und in unserer immer komplexer werdenden Welt seine eigene Orientierung und seinen eigenen Mehrwert haben, indem es dem, was anderen als Chaos erscheinen mag, einen Sinn gibt. Es ist dieses Denken, das nicht in der Lage ist, stark und kategorisch zu sein, das vielleicht widersprüchlich oder mehrdeutig erscheint, das paradoxerweise in unserer heutigen Welt ein bestimmtes Handeln ermöglichen kann. Gleichzeitig wäre die Festung des Denkens immer auf der Suche nach einem Hegemon, einem großen Bruder, dessen kleiner Bruder sie sein kann. Das mag in der Ära des Kalten Krieges funktioniert haben und es mag versuchen, diese Ära wieder aufleben zu lassen, aber es hat offensichtliche Grenzen. Es mag in ihren Überzeugungen und Plänen stark sein, wenn sie sich an eine bulgarische/periphere Öffentlichkeit wendet, aber sie kann auch in einem nicht-bulgarischen Kontext sehr wenig überzeugend sein, in einem Kontext größerer Komplexität, in dem man seine eigene Stärke haben muss und nicht eine „Stärke“, die dadurch entsteht, dass man das Echo von jemandem ist.
Bulgarien sollte nicht nach dem einen oder anderen großen Bruder suchen, über den es seine strategischen Interessen in Mazedonien oder im Inland durchsetzen kann. Wir als Bürger:innen dürfen mit niemandem den großen oder kleinen Bruder spielen, sondern müssen horizontale Freundschaftsbeziehungen (Brücken der Freundschaft) zu unserer Region aufbauen und beginnen, uns gemeinsam mit ihr weiterzuentwickeln. Wir können nur auf der Grundlage von Solidarität, Freundschaft, Vertrauen, Optimismus und dem Glauben an den anderen wachsen. Wachstum auf der Grundlage von Hegemonie und Machtakkumulation ist unhaltbar, unsicher und hat offensichtliche Grenzen, denn wo eine Hegemonie endet, beginnt eine andere. Wenn wir unser Wachstum jedoch auf eine dynamische Identität mit dem anderen gründen würden, würden wir die Grenzen von Hegemonie und Machtspielen überwinden. Wir wären Menschen, die vom Überbau der Macht befreit wären. Wir hätten eine direkte Verbindung mit dem anderen Menschen, denn das Fehlen eines Überbaus bedeutet das Fehlen einer Rüstung oder einer Waffe – mit anderen Worten, das Fehlen von Macht als Vermittler. Und wir müssen lernen, in der Fremde unbewaffnet zu gehen, denn das ist der beste Weg, um sich sicher zu fühlen.
Was könnte eine nicht-hegemoniale Außenpolitik in den Fällen mit einigen der Nachbarn konkret bedeuten?
Für Nordmazedonien oder jeden anderen bedeutet Nicht-Hegemonie in erster Linie, dass man ein aufrichtiges Interesse daran hat, den anderen kennenzulernen und zu verstehen, und zwar nicht so sehr zu den eigenen Bedingungen, sondern zu denen des anderen. Im Falle Mazedoniens könnte das bedeuten, grenzüberschreitende Medien zu haben, aus denen wir lernen können, wie das Leben in Mazedonien heute aussieht, was die wichtigen mazedonischen Theaterstücke, Rockbands, traditionellen Gerichte und der urbane Sound Jargon sind. Es könnte bedeuten, nicht mit einer versteckten Waffe der Bulgarisierung dorthin zu gehen oder zu versuchen, Mazedonier:innen als Stellvertretetende gegen irgendjemanden zu benutzen. Es könnte auch bedeuten, eine Infrastruktur zu schaffen, die es den Mazedoniern:innen ermöglicht, dasselbe mit Bulgarien zu tun – es auf seine eigene Art zu verstehen und durch dieses Wissen bereichert zu werden. Dies ist der Weg zu einer dynamischen Identität, einer Identität, die aus verschiedenen konstitutiven Elementen besteht, die interagieren und sich gegenseitig auf eine nicht-hegemoniale Weise verändern.
Nicht-hegemoniale Außenpolitik bedeutet, ohne die doppelte Machtschicht zu leben, die uns als Fassade benutzt. Wir leben und lassen andere leben. Und wir verbinden uns auf der Grundlage von Freiheit und Respekt für andere und das Leben. Dieser Ansatz mag Menschen, die in der Schule der Hegemonie und der Realpolitik erzogen wurden, schwach und nicht überzeugend erscheinen. Ich behaupte, dass eine nicht-hegemoniale Außenpolitik es jedem, der in der Lage ist, sie zu praktizieren, ermöglichen wird, sich buchstäblich in jedem anderen Land und in jedem anderen Kontext zu reproduzieren. Und wir werden diese Gebiete nicht heimlich betreten und unsere wahren Absichten verbergen. Wir werden durch den Haupteingang eintreten und mit Respekt behandelt werden, weil unsere nicht-hegemoniale Position für diese Gesellschaft notwendig ist. Die wahre nicht-hegemoniale Position besteht darin, alle zu ermächtigen und positive Veränderungen zu bewirken.
Je mehr sich Nordmazedonien der EU annähert, desto mehr wird der hegemoniale Ansatz nicht funktionieren. Denn ein EU-Beitritt würde bedeuten, dass Skopje seine größte Bewährungsprobe bestanden hätte. Es würde beweisen, dass seine Staatlichkeit lebensfähig ist. Und wenn dieser Test schließlich bestanden ist, wird die Fähigkeit eines jeden EU-Landes, einschließlich Bulgariens, seinen Willen mit Gewalt durchzusetzen, zunehmend eingeschränkt. Bis dahin wird sich jedoch die nicht-hegemoniale Außenpolitik Bulgariens in einem Nicht-EU-Land von der in einem EU-Land unterscheiden, da Bulgarien und Nordmazedonien international nicht gleichgestellt sind. Eine nicht-hegemoniale bulgarische Annäherung an Nordmazedonien würde darauf abzielen, herauszufinden, wer dort Einfluss hat, und würde den Kontakt suchen, unabhängig von der Generation, den Präferenzen und der Einstellung gegenüber Bulgarien und den Bulgaren. Denn Nicht-Hegemonie ist mit einer bestimmten Art von Subjektivität verbunden, die gefördert werden sollte, um zu wachsen. Für die nordmazedonischen Eliten mag die Nicht-Hegemonie eine Herausforderung sein, weil es schwierig ist, nicht politisierte, unabhängige Menschen zu finden, die mit den entsprechenden bulgarischen Eliten in Beziehung treten können. Aber die einzige Möglichkeit für Nordmazedonien, seine Identität auf internationaler Ebene wirklich zu behaupten, besteht darin, Menschen und sogar Gruppen zu haben, die nicht polarisiert, partei-siert und proxy sind.
Das Gleiche gilt für Bulgarien, auch wenn es Teil der EU ist. Die weitere Annäherung Bulgariens an den Westen würde davon abhängen, ob sich gesellschaftliche Positionen und Räume herausbilden, in denen die Beziehungen nicht hegemonial sind. Und die bulgarisch-rumänischen Beziehungen könnten eine Schule dafür sein, vielleicht paradoxerweise, weil Rumänien das EU-Land ist, dessen Status dem Bulgariens am nächsten kommt, auch wenn es vielleicht der am wenigsten bekannte Nachbar Bulgariens ist. Trotzdem sollte die Fähigkeit, Brücken der Freundschaft zu bauen, Beziehungen, die auf Gegenseitigkeit und echtem, tiefem Verständnis für den anderen beruhen, hoch sein, vor allem, wenn das national-zentrische Gepäck aus der Übergangszeit, mit dem Bulgaren und Rumänen in die Beziehungen zur Außenwelt gehen, allmählich abgeworfen wird. Eine nicht-hegemoniale Außenpolitik in den bulgarisch-rumänischen Beziehungen wird es ermöglichen, neue Erfahrungen und Kenntnisse zu einem nicht zu hohen Preis zu erwerben (aufgrund der geographischen Nähe und ähnlicher sozialer Phänomene, die zwischen den beiden Kulturen leichter zu verstehen sind). Dies würde natürlich das Potenzial beider Seiten erhöhen und könnte es ihnen ermöglichen, in anderen Bereichen gemeinsam zu handeln, wenn der schwierige Teil des Baus von Brücken der Freundschaft zwischen Menschen und Organisationen gelöst wird.
Es ist merkwürdig, dass eine nicht-hegemoniale Außenpolitik, die auf einer dynamischen Identität mit den Nachbarn basiert, es den Bulgaren ermöglichen würde, ihr Bewusstsein so zu erweitern, dass sie Wurzeln in Ländern haben, die bulgarische Nationalisten als historisch bulgarisch bezeichnen. Eine dynamische Identität mit Bulgariens Nachbarn würde bedeuten, die Widersprüche in der Nachbarschaft zu verinnerlichen. Das ist das Gegenteil von dem, was Nationalisten normalerweise tun – sie sind bereit, diese Länder zu „erobern“, das bulgarische Trauma durchzusetzen und ausländische Einflüsse und Traumata zu unterdrücken. Ein nicht-hegemonialer Ansatz würde bedeuten, Gemeinsamkeiten zu haben, eine gemeinsame Geschichte und Synchronisation auf dem Weg zur Modernisierung. Er würde bedeuten, dass wir lernen, andere so zu akzeptieren, wie sie sind und dass sie uns umgedreht auch akzeptieren und anerkennen. Der nicht-hegemoniale Ansatz könnte sich als einfacher erweisen, die bulgarischen nationalen Interessen zu schützen, als die Betonung der extremen Rechten, die Bulgarien in Nordmazedonien und anderswo hat. Aber eine nicht-hegemoniale Außenpolitik würde auch anderen Nationen das Gefühl geben, dass ihre Wahrheit anerkannt und respektiert wird – die ganze Wahrheit, nicht nur die bequeme Wahrheit. Das ist es, was Nicht-Hegemonie in der Praxis bedeutet – die Bildung einer dynamischen Identität zwischen verschiedenen Elementen, in der sie gemeinsam wachsen und sich entwickeln und nicht auf Kosten der anderen.
Nicht-Hegemonie und Wandel
Ich habe bereits argumentiert, dass nicht-hegemoniale Beziehungen außerhalb Bulgariens auch nicht-hegemoniale Beziehungen innerhalb Bulgariens fördern würden. Die bulgarische Gesellschaft sollte davon profitieren, weil dies ein größeres soziales Kapital bedeuten würde. Es wird die Komplexität der bulgarischen Gesellschaft erhöhen In diesem Zusammenhang ist auch die Frage des Wandels von Bedeutung.
Das Scheitern der Partei “Wir setzen den Wandel fort” damit, die bulgarische Gesellschaft in Bezug auf die Korruptionsbekämpfung, die Geheimdienste, die wirtschaftlichen Interessen, die Oligarchie usw. wesentlich zu verändern, ist ein Zeichen dafür, dass Bulgarien eine komplexere, bescheidenere, durchdachtere und langfristigere Theorie des Wandels braucht. Erfahrungen aus den Nachbarländern könnten uns helfen, unsere eigene Gesellschaft mit neuen Augen zu sehen. Rumänien zum Beispiel ist ein Land, in dem große kapitalistische Kräfte freigesetzt werden. Und anhand der rumänischen Erfahrungen können wir leicht erkennen, wie auch die bulgarische Gesellschaft finanziert wird. Jede Person, jede Gruppe, jede juristische Person verfügt über verschiedene Formen von Kapital – Finanzkapital, Sozialkapital, Wissenskapital usw. – und damit verbundene Interessen.
Die Partei des „Wandels“ (“Wir setzen den Wandel fort”) ist auch deshalb gescheitert, weil sie nie artikuliert hat, was Wandel in wirtschaftlicher Hinsicht für sie bedeutet. Aber es ist leicht zu erkennen, dass alle wichtigen Auseinandersetzungen während der Regierungen Petkov und Denkov mit finanziellen Interessen zu tun hatten. Petkov versuchte, den Fluss staatlicher Gelder an Transport- und Bauunternehmen zu stoppen, die mit der Partei GERB von Bojko Borissov verbunden waren, die damals als klientelistisch und korrupt galt. Daraufhin brachen Proteste aus. Denkov forderte die Besitzstände in der Landwirtschaft heraus und setzte den grünen Wandel in den Kohlebergbauregionen durch. In beiden Fällen protestierten die betroffenen Gruppen und forderten Entschädigungen, die sie in der einen oder anderen Form auch erhielten. Während der Denkov-Regierung protestierten auch verschiedene Staatsbedienstete, wie Kulturschaffende und andere und forderten die Anerkennung ihres Rechts auf mehr finanzielle Mittel.
Aus all dem geht hervor, dass die Vorstellung von guten, sauberen IT- oder Finanzgeschäften und schlechten, oligarchischen Geschäften in anderen Bereichen, die Vorstellung, dass Veränderung darin besteht, sauberes, „fortschrittliches“, technologisches Geld schmutzigem, „rückschrittlichem“, klientelistischem/populistischem Geld vorzuziehen, immer noch eine begrenzte Art ist, über Veränderung nachzudenken. Das ist eine Geschichte, die die Regierung von US-Präsident Joe Biden vielleicht gerne hört, aber ein bulgarisches Verständnis von Wandel muss viel komplexer sein.
Wir werden mehr und mehr erfahren, dass unsere Gesellschaft eine kapitalistische Gesellschaft ist, in der die wirtschaftliche Basis sich auch in der Macht reproduziert. Unter solchen Bedingungen ist es sehr schwierig, ein Unternehmen, einen Wirtschaftssektor oder ein politisches oder wirtschaftliches Interesse buchstäblich zu zerstören. Zum Beispiel wird es immer Glücksspiele geben. Wahrscheinlich wird es in der bulgarischen Gesellschaft auf absehbare Zeit Oligarchen geben. Der Versuch, eine in der Gesellschaft verwurzelte wirtschaftliche Realität zu zerstören, erscheint nicht realistisch, weil wir eine freie Marktwirtschaft und keine Kommandowirtschaft sind und weil jeder Versuch, eine Hegemonie gegen jemanden aufzubauen, eine gegenhegemoniale Antwort hervorrufen würde.
Der Kampf um Veränderung kann nur auf Transformation abzielen, nicht auf die Inhaftierung, Vertreibung oder Enteignung „des Feindes“. Das heißt, Veränderung bedeutet De-Hegemonisierung. Der Glücksspielsektor wird bestehen bleiben, aber er wird einer stärkeren Regulierung unterworfen werden, wie es bereits mit der Tabakindustrie geschehen ist. Die Oligarchen werden weiterhin existieren. Aber wenn die breite Gesellschaft wirtschaftlich gestärkt wird, werden die oligarchischen Interessen weniger hegemonial sein.
Ich bin mir sicher, dass wir alle, die wir während des Übergangs sozialisiert wurden oder in ihm wirtschaftlich erfolgreich waren, großartige Männer und Frauen sind, die sehr gut in der Lage sind, ihre Ambitionen zu verwirklichen. Die sehr stark in ihrer Rechtschaffenheit sind und die von ihren intellektuellen Fähigkeiten sowie von ihrer finanziellen und physischen Verführungskraft überzeugt sind. Aber lassen Sie mich raten – die Tendenz in unserer Gesellschaft geht dahin, alle Besitzstände und Hegemonen zu zähmen. Wir werden weiterleben und wir werden sicherlich unsere großartigen Erfahrungen aus den Zeiten des Übergangs genießen, als wir wirklich alles tun und jeder sein konnte wer oder was er: sie wollte. Damals als alte Normen zerfielen und neue von uns selbst geschrieben wurden. Aber die Zukunft ist eine, in der wir nach und nach in jeder Hinsicht enthegemonisiert werden.
Revolutionen sind in der EU wahrscheinlich nicht möglich. Hilteristen, Faschisten, Stalinisten mögen starke Köpfe, starke Ideologien und einen höheren Grad an Totalität gehabt haben. Seit Jahrzehnten jedoch wird das starke Denken schwächer, da die Komplexität der Welt, in der wir leben, zunimmt. Der soziale Organismus unserer Länder wird immer komplexer und vielfältiger, trotz aller Bemühungen, die bulgarische Trauma-Norm zu reproduzieren. In diesem Zusammenhang wäre es vielleicht ehrlicher und realistischer, statt sich an die Reste unserer starken Ideen (wie Antikommunismus, Antifaschismus, Antiamerikanismus, Russophobie, Russophilie usw.) zu klammern, die für die jüngeren Generationen vielleicht nicht so überzeugend sind, unsere „schwachen Gedanken“ (ein von Giani Vattimo propagierter Begriff) und „schwachen“ Handlungen anzunehmen. Diese könnten zu einer demokratischeren Machtverteilung in der Gesellschaft führen. Wenn eine solche Schwächung der starken Narrative stattfindet, ist dies bereits eine Veränderung, die wiederum mit Hegemonie verbunden ist.
Je weniger Hegemonie es in der Gesellschaft gibt, desto mehr Möglichkeiten haben die Bürgerinnen und Bürger, sich zu bewegen, denn Bewegung scheint ein Gebiet zu sein, in dem sich Hegemonien gegenseitig neutralisieren. Agent:innen haben keine Handlungsfähigkeit. Handlungsfähigkeit ist eine Eigenschaft von Bürger:innen, die irgendwie ermächtigt wurden und in der Lage sind, ihre eigene Agenda zu verfolgen, während die hegemonialen Kräfte in der Gesellschaft weiterhin ihre Arbeit tun. Aber wie könnte eine Position mit Handlungsfähigkeit erreicht oder ideologisch definiert werden?
Eine nicht-hegemoniale Außenpolitik könnte uns von den Überresten des starken Denkens des Kalten Krieges befreien (das die gesellschaftliche Entwicklung aufgrund seines hegemonialen Aspekts und der gegenseitigen Verleugnung mit einem Feind verlangsamt) und uns dazu ermutigen, fürsorgliche, verantwortungsbewusste und aufmerksame Bürger in unserem eigenen Land zu sein, die unter der Führung ihres authentischen, inneren Antriebs handeln, anstatt von einem politischen oder militarisierten hierarchischen Imperativ angetrieben zu werden. Vielleicht entdecken wir plötzlich, dass Antifaschismus und Antikommunismus nicht hegemonial sein können und nicht von politischen oder geopolitischen Kräften unetrstützt werden. Und wir könnten feststellen, dass diese gegenwärtig geschwächten, aber authentischen Ideologien (oder jede andere Reihe von Ideen und Ideologien, die für uns authentisch sind) auch aus uns selbst heraus entstehen können und keinen tief verwurzelten Anti-Anderen-Aspekt haben.
Am Ende werden wir vielleicht feststellen, dass wir, die Bulgar:innen, nicht unbedingt verschiedene Versionen einer einzigen bulgarischen Norm sind, die sich gegenseitig das Bulgarentum und das Recht, im Namen Bulgariens zu sprechen oder zu handeln, streitig machen. Wir könnten entdecken, dass wir nicht miteinander konkurrieren, um der vorübergehende bulgarische Hegemon zu sein, der die anderen „falschen“ Bulgar:innen unterdrückt, bis ein weiterer Wurf der politischen und geopolitischen Würfel unsere Rollen wieder und wieder verändert. Es sollte eine Synthese unserer besonderen Identitäten stattfinden, so dass der bulgarische Geist und der Weltgeist verschmelzen, verkörpert werden und eine echte Transformation beginnt. Und nach dieser Synthese könnte sich herausstellen, dass wir alle Verbündete in unserem irdischen Sein und Werden sind. Jede:r, der:die anders ist als wir, wäre hier, um sich mit uns zu verbinden und uns gegenseitig zu bestätigen. Wir würden durch die Erfahrung unserer Unterschiede und Gemeinsamkeiten bereichert werden. Und ich vermute, dass eine Reihe von kalten Kriegen in aktivem Frieden enden würde.
Das Ende
Ich glaube, dass es nicht im Interesse Bulgariens ist, eine Insel in einer Welt zu bleiben, in der die Ströme von Kapital, Ideen, Menschen und Waren zunehmen. Wenn wir isoliert wären, wären wir verletzlicher, gespaltener und zerbrechlicher. Wir müssen eine Identität und eine Fähigkeit entwickeln, die es uns ermöglicht, den globalen Strom aufzufangen und ihn in unsere Segel zu setzen. Aber ein nicht-hegemonialer Ansatz, eine dynamische Identität und eine Brücke der Freundschaft mit den Elementen in der Welt, mit denen wir in Verbindung treten können, bedeutet auch, dass die Welt über und von uns lernen wird, dass sie in den Beziehungen zu uns Erfahrungen und Energie finden wird und dass sie durch unsere eigenen Erfahrungen und durch die Interaktion mit uns verändert wird.
Es ist eine Herausforderung für die Bulgaren, die Hegemonie zu verlernen, aber es ist auch eine Herausforderung für ihre potenziellen Partner oder Akteure auf internationaler Ebene. Sind sie auch in der Lage, ihre Hegemonie zu verlernen? Denn wenn sie mit einer Hegemonie nach Bulgarien kommen, werden sie den Widerstand der Vertreter einer Gegenhegemonie hervorrufen. Und so wie Bulgarien mit der Annäherung Skopjes an die EU immer weniger in der Lage sein wird, Nordmazedonien seinen Willen aufzuzwingen, könnte es auch für die Außenwelt schwieriger werden, den künftigen Bulgar:innen ihre Macht aufzuzwingen, wenn wir uns vorstellen, dass sie immer weniger in der Lage sein werden, als Stellvertreter zu agieren. Wir haben also eine klassische Situation in Bulgarien, in der es Kräfte für den Wandel geben wird – und der Wandel wird eine Entwicklung in Richtung Emanzipation und Nicht-Hegemonie sein. Und es wird Kräfte geben, die sich diesem Prozess widersetzen, weil sie befürchten, dass sie ihre privilegierte Stellung in einer Welt mit einer gleichmäßigeren Machtverteilung verlieren werden.
Eine gleichmäßigere Verteilung der Macht würde die Stärkung des einfachen Menschen, die Überwindung der einzigen Norm und der statischen Identität und eine stärkere Bejahung des Verständnisses des Lebens als kollektive Schöpfung bedeuten. Bulgarien muss sich mehr denn je modernisieren und ein gerechterer und glücklicherer Ort zum Leben werden. Nicht nur in Sofia, sondern überall.
Ich vertrete die Auffassung, dass ein nicht-hegemonialer Ansatz in unseren Außenbeziehungen ein Weg sein könnte, um diese großen Veränderungen zu erreichen. Ich sehe diesen Ansatz als einen, der von den Menschen ausgehen sollte, weil ich glaube, dass sie ein größeres Potenzial haben, die Hegemonie zu verlernen, die wahrscheinlich in verschiedenen Fällen institutionalisiert ist. Es ist edel, eine Politik zu verfolgen, die die Menschen ermächtigt und eine größere Komplexität im System zulässt, anstatt die Gesellschaft auf statische Identität und Herrschaft zu gründen. Ich glaube auch, dass wir alle den Schlüssel zur eigenen Emanzipation in der Hand halten. Wir müssen so handeln, als gäbe es keine Macht, von der wir abhängig sind, und auf diese Weise kann die Macht modernisiert und transformiert, kurz: enthegemonisiert und humanisiert werden. Um dies zu beginnen (ein wirklich langfristiger Prozess), müssen wir uns in der Welt ohne Rüstung bewegen. Ein Leben ohne Rüstung ist ein Leben, das intensive Erfahrungen zulässt. Und wir werden sehen, wie wir zu etwas Neuem werden. Denn das Leben ist keine Anhäufung von Macht, es ist Erneuerung und stetiger Wandel.
Foto: Nacho Juárez: https://www.pexels.com/photo/two-yellow-flowers-surrounded-by-rocks-1028930/
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